SPOTLIGHT ON
Come Closer. Antje Zeiher bei Françoise Heitsch
Sollte jeder mal ausprobieren: Sich in die Ecke eines Raumes stellen, um ihn dann zu beobachten.
Wer oder was ist der Raum ohne mich? Wer oder was ist er für mich? Wie frei bin ich in dem Raum? Meine Erinnerungen – sieht man sie?
Wenn ich den Raum aus der Distanz beobachte, beginne ich sein Wesen ohne die eigene Präsenz verstehen. Auf diesee Weise nehme ich den Raum – die dreidimensionale Konstruktion von Tiefe, Licht und Schatten – abgetrennt von meiner eigenen körperlichen Erfahrung wahr.
Von 20.3. bis 9.5. sind Antje Zeihers neue Arbeiten in der Galerie Françoise Heitsch zu sehen. Ihre Arbeiten führen weg vom Abstrakten, hinein in Räume.
Am 2. Spring & Walk-Samstag 9.5., führt ein Rundgang mit Sibylle Oberschelp durch die Ausstellung.
In ihren neuen, großformatigen Leinwandarbeiten widmet sich Antje Zeiher konsequent der Auseinandersetzung mit Räumen. Die Kompositionen sind klar strukturiert, präzise durchdacht und in Acryl umgesetzt.
Während sie in früheren Arbeiten mit Perspektiven spielte, sich auf Details konzentrierte und das große Ganze nur erahnen ließ, nimmt sie nun eine eindeutige Position ein: den Blick in den Raum. Meist geht unser Blick über den Raum hinweg zum Fenster, in ein paar Arbeiten befinden wir uns außerhalb des Hauses und sehen durch das Fenster in den beleuchteten Raum, um uns sind Äste, Zweige. Die Räume, die wir mit Zeiher betrachten sind meist leer, mal sehen wir einen Tisch, mal hängt ein Bild, mehr nicht. Muster, die Erinnerungen zeigen, Farben, die Emotionen spiegeln, Oberflächen und Stofflichkeiten, die erzählen. Motive aus kleinformatigen Arbeiten tauchen in den großen Formaten erneut auf und verdichten sich zu einem vielschichtigen Gefüge. Ihre Malerei ist ebenso psychologisches wie gestalterisches Experiment: Es zielt darauf ab, die eigene subjektive Wahrnehmung zu dekonstruieren und den Raum in seiner objektiven oder atmosphärischen Essenz zu erfassen. Was bleibt wenn ich gehe?
Antje Zeiher zeigt uns die Seele der Räume. Die Künstlerin ging weg vom Abstrakten, weg von den Details – weiterhin erzählt sie Geschichten. Aus den kleinen Erzählungen wurden große von ganzen Lebensphasen, die man bestimmten Wohnorten zuordnet. Räume, an die man sich erinnert, die man mit Erlebnissen, mit Gefühlen verbindet.
Räume prägen uns – und wir prägen sie. Zwischen ihnen und uns entsteht ein Verhältnis, das über bloße Betrachtung hinausgeht. Es ist ein Moment des „Ich-Du“, in dem Raum und Mensch einander wirklich begegnen.
Ein kleines Mädchen soll mit seinen Eltern in eine größere Wohnung ziehen. Nennen wir es Charlotte. Die Familie besichtigt eine – die Mutter warnt Charlotte vor, Erschrick nicht, da wird es wahrscheinlich nicht gut ausehen, wild und alt, aber wir werden es uns dort schön machen.
In der Tat, die Wohnung ist seltsam. Dort wohnt ein erwachsener Sohn mit seiner alten Mutter – in einem Teil der großen Wohnung betreibt er ein Privatkino, es ist ein abgedunkelter Raum mit vielen unterschiedlichen Stühlen. In der Küche liegen auf dem Fensterbrett aufgereiht getrocknete Teebeutel.
Doch Charlotte lässt sich nicht beeindrucken. Es wird eine gute Wohnung für sie. Ein Safe Space wie man heute sagt.Viele Jahre wird sie dort wohnen. Das abgedunkelte Kino wird ein helles Wohnzimmer. In der Milchglasscheibe der Tür kann sie immer neuen Gestalten sehen, jedes Licht bringt ihr neue Geschichten. Die Toilette bekommt rote Wände und roten Teppichboden.
Als die Familie auszieht, Charlotte ist Anfang 20, schenkt sie sich noch einen Tag in der leeren Wohnung. Sie setzt sich in Ecken und betrachtet die leeren Räume. Schaut was war und was bleibt. Sie fotografiert sich in den leeren Räumen.
Räume prägen uns – und wir prägen sie.
Was bleibt von vergangenem Leben in den Räumen wenn schon längst neues da ist? Wer oder was ist der Raum ohne uns?
In ihrer neuen Ausstellung dürfen wir Antje Zeiher dabei begleiten, wie sie ihre inneren Räume erforscht und ihrer Vergangenheit Form verleiht. Die Bilder erzählen uns Geschichten und laden uns ein unsere eigenen Geschichten zu finden.
Es schwingt eine philosophische Frage mit, die an Martin Bubers „Ich und Du“ erinnert: Was geschieht, wenn wir dem Raum nicht nur als Beobachter, sondern als Gegenüber begegnen? Wenn wir ihn nicht als Objekt wahrnehmen, sondern als ein „Du“, das uns antwortet – mit Spuren, Erinnerungen und Atmosphären? Der Raum wird zum Partner von Zeihers innerer Erkundung, zum Spiegel der eigenen Existenz. Ihre künstlerische Suche – die Verbindung zwischen dem inneren und dem äußeren Raum, zwischen persönlicher Erinnerung und architektonischer Struktur – ist somit auch eine existentielle Begegnung: eine „Ich-Du“-Beziehung zwischen Mensch und Raum, Subjekt und Welt.
In ihren Arbeiten findet Martin Bubers „Ich und Du“ so eine visuelle Entsprechung. Sie zeigt, dass Räume nicht nur bewohnt oder beobachtet werden, sondern dass sie mit uns sprechen – wenn wir bereit sind, sie als ein „Du“ zu sehen.
Antje Zeiher, 1979 geboren, Studium an der Akademie der Bildenen Künste München bei Bustamante, lebt bei München
Bildcredits:
Antje Zeiher, Serie Come Closer, 2026, die meisen 170 x 130 cm
